Kirmesburschen

8. November 2009

Bevor die Kirmestradition in Falkenberg begann, wurde einmal im Jahr ein anderer, ganz besonderer Festtag gefeiert, der „ fette Sonntag”. An diesem Tag fand in Rampen Gastwirtschaft (heute Opfermann) eine Tanzveranstaltung für das ganze Dorf statt. Die Namengebung soll daher rühren, dass die Hausfrauen eigens hierfür „ Krebbeln” (Fettgebackenes) backten. Mündliche Überlieferungen besagen, dass bereits lange vor 1900 Kirmes in unserem Dorf gefeiert wurde. Die Tradition der Kirmesfeiern gründet sich eigentlich auf die Kirchweih. Der alte Brauch, christliche Gotteshäuser zu weihen, wurde vielerorts zum Anlass genommen, ein Fest zu feiern. Da unser Dorf aber bis zum heutigen Tag noch nie eine eigene Kirche besaß, bleibt zu vermuten, dass die Kirmes bei uns eher den Charakter eines Erntefestes hatte. Soweit sich die Geschichte der Kirmes in Falkenberg zurückverfolgen lässt, wurde sie immer erst nach dem Einbringen der Ernte Anfang September gefeiert. Auch die Gewohnheit, regelmäßig mindestens ein Jahr auszusetzen, hat in Falkenberg Tradition. Noch nie wurde ein örtlicher Verein für die Organisation und Durchführung benötigt. Immer fanden sich genügend junge Leute, die zu diesem Zweck eine Burschenschaft gründeten.

Kirmesfestzug im Jahr 1950

Kirmesfestzug im Jahr 1950

Aus den Reihen der Kirmesburschen wird der Kirmesvater als Vorsitzender gewählt, der zusammen mit anderen gewählten Kirmesburschen das Führungsgremium bildet. Am Freitagabend wird die Kirmes angespielt. Angeführt vom Kirmesvater mit seinem Zylinder, ziehen die Kirmesburschen, alle mit einheitlichen Kopfbedeckungen (meist mit bunten Bändern verzierte Strohhüte), sowie die Musikanten durch’s Dorf, um die Bevölkerung zum Kirmestanz einzuladen.
Bis einschließlich 1938 wurde die Kirmes zeitweise sogar auf zwei Sälen gleichzeitig gefeiert. Der größere und geräumigere Saal befand sich in der Gastwirtschaft Wagner, dem heutigen Haus Nr. 15 in der Melsunger Straße. Die Räumlichkeiten von Rampen Saal, später Kaufheld, waren zwar erheblich kleiner, doch trübte dies die Freude am Feiern in keiner Weise. Am Freitagabend feiert die einheimische Bevölkerung weitgehend unter sich. Eintritt wird, wie auch an den anderen Tagen, lediglich von Unverheirateten und Auswärtigen erhoben. Eheleute entrichten ihr Kirmesgeld beim Ständchenspielen. Bis in die sechziger Jahre zogen die Kirmesburschen und die Musikanten mit den so genannten Nachtständchen von Haus zu Haus. Später wurden die musikalischen Ständchenwünsche am Samstagmorgen erfüllt. Samstags reiste früher oftmals auch auswärtige Verwandtschaft an. Gemeinsam mit den Falkenbergern wurde bis einschließlich Sonntag kräftig gefeiert. Als besondere Attraktion früherer Jahre erschien pünktlich zur Kirmes die „Zuckerfrau” aus Homberg. Man stellte ihr einen Waschtisch auf Rampen Hof und sie packte aus ihrer Köötze (Tragekorb auf dem Rücken) die herrlichsten Süßigkeiten aus. Waffeln, Honigkuchenherzen, verschiedene Sorten Bonbons und anderes mehr waren damals nicht gerade alltägliches „ Schnuggewerk” und deshalb sehr begehrt. Wichtig für den Verlauf einer Kirmes war von jeher, mit welchem Einsatz die jeweilige Musikkapelle zu Werke ging. Einige von ihnen spielten mehrere Jahre hintereinander für die Falkenberger zum Tanz und nicht selten entstanden freundschaftliche Beziehungen zu den Gastgebern.

Kirmesburschen des Jahres 1950

Kirmesburschen des Jahres 1950

Früher wurden sogar die einzelnen Musikanten für die Dauer der Kirmes im Dorf beherbergt und verköstigt. Den älteren Einwohnern ist z. B. die Kapelle Bringmann aus Gombeth sicher noch in Erinnerung und auch der Schaller Franz mit seinen Männern wurde immer herzlichst begrüßt. Das Tischtuch, das früher als Kirmesfahnedienen musste, wurde schließlich sonntags um letzten Mal freudig geschwenkt, denn am Montagabend ging die Kirmes mit ihrem Begräbnis zu Ende. Der Trauerzug der schwarz gekleideten Kirmesburschen dich das Dorf endete auf einem freien Grasstück am „Lieblingsweg”, dem heutigen Standort der Tankstelle. Dort erfolgte die symbolische Beisetzung der Kirmes. Später diente der Grashang beim Bählerschen Grundstück am Schlossberg ebenfalls als Begräbnisstätte. Währenddessen gingen einige Kirmesburschen von Haustür zu Haustür und erbaten Lebensmittel.

Die so gesammelten Vorräte, meist Würste und Eier, wurden im Anschluss gemeinsam verspeist, um sich nach den anstrengenden Tagen und Nächten zu stärken. Ein Brauch, der auch heute noch gepflegt wird. Trotz vieler Modeerscheinungen und Trendänderungen im Laufe der Jahre, hat die Falkenberger Kirmes ihren Charakter als bürgerliches Dorffest bis heute bewahrt.Das Grundkonzept wurde stets beibehalten, notwendige Änderungen und Ergänzungen jedoch sinnvoll eingefügt. Eine solche Richtungsweisende Änderung war z. B. die Einführung der Zeltkirmes. Erstmalig im Jahr 1950 wurde das Gelände „Krautgarten” (heutiger Kindergarten) als Festplatz genutzt.
Seit Einführung des Festgottesdienstes im Zelt am Sonntagmorgen, nutzen die Leute gerne die Möglichkeit, einen Gottesdienst in unserem Dorf zu besuchen. Auch die bescheidenen Anfänge des Festzuges am Sonntagnachmittag mauserten sich im Laufe der Zeit zu einem Höhepunkt der Veranstaltung. Viele Zuschauer, auch von außerhalb, säumen seither die Straßen, wenn die liebevoll dekorierten Festwagen durch das Dorf gezogen werden und den Kirmesbären begleiten.Des Weiteren scheuen die Kirmesburschen keine Mühen, um Schausteller zu verpflichten. Neben dem Festzelt wird der Festplatz durch Buden, Verkaufsstände und verschiedentlich sogar Fahrgeschäfte bereichert. Auch die Einbeziehung des Montages in die Kirmesfesttage erwies sich als positiv.

Besonders den Montagabend nutzt die Dorfbevölkerung seitdem gerne, um das Fest stimmungsvoll unter ihresgleichen ausklingen zu lassen. Nach dem traditionellen Begräbnis der Kirmes, Bestattungsort ist mittlerweile der Park, findet die abschließende Tanzveranstaltung ihren Höhepunkt mit der Verlosung der Kirmesfahne. Aus dem Tischtuch von einst ist mittlerweile eine prachtvoll bestickte Fahne geworden. Sie wird vom jeweiligen stolzen Gewinner sorgfältig verwahrt.
Seit dem Jahr 1970 ist die Burschenschaft keine reine Männersache mehr. Das weibliche Geschlecht, bis dahin im Hintergrund als fleißige Helferinnen tätig, bildet seitdem den nicht mehr wegzudenkenden Anteil der Kirmesmädchen. Durch ihre Initiative wurde das gemütliche Beisammensein im Festzelt am Samstagnachmittag ins Leben gerufen. Bei Kaffe und selbstgebackenen Kuchen nutzten die Falkenberger gerne die Möglichkeit, schnuddelnd die ruhige Seite der Kirmes zu genießen.
Im Interesse der Dorfgemeinschaft bleibt zu wünschen, dass die Kirmes als fester Bestandteil im Falkenberger Bewusstsein erhalten bleibt. Auf das die immer wieder hoffnungsfroh gestellte Frage der Kirmesburschen: „WOS HONN MÄH?“ noch lange aus vielen Kehlen mit „KIR-ME-SE“ beantwortet wird.